Winter FinKa

von | März 2, 2026 | Vinschgauwärts

Winter. FinKa

Der Schnee <schraffiert die Landschaft>, schreibt Lydija Tschukowskaja (‚Untertauchen‘, 1972).

Hier zeichnet der Schnee einen leise fallenden Vorhang auf die Holzwand der Terrassen und vor die Landschaft. Der Blick hinaus verliert sich im Ungefähren.

Der Terrassenboden ist zugeschneit. Schnee türmt sich auf der Brüstung.

Fällt kein Schnee und bleibt der Himmel bewölkt, nichts als der Zweiklang von Weiss und dem Schwarz der bewaldeten Hänge, dem dunklen Blau in der Ferne. Darüber die eisigen Gipfel. 

Man sieht die Kälte. Die Stille scheint hörbar.

Schneebaden? Die weisse Badewanne draussen im Freien verschwindet fast ganz im neuen Weiss, das sie aufgefüllt hat.

Die kahle Schwärze des Palabirn-Baums vor dem Schulhaus gegenüber: eine Skulptur, so, wie der Baum sich von der Mauer weg ins Freie gewandt hat. Aber auch Zeichnung, der Stamm und die Äste vor dem offenen Himmel.

Schnee auf dem Dach des romanischen Turms von St. Johann, nicht weit weg auf halber Höhe im Dorf: Der Turm hat eine neue Leichtigkeit.

Blendende Sonnen-Tage. Die Finka wärmt sich auf.

Dazwischen ein Morgen wie zugebaut. Eine Wand vor dem Fenster. Nebel, nicht drückend, nicht schwer. Im Inneren hell.

Es taut. Ein Stück Wiese liegt frei im Hinterhof, wie die Finka ihren Garten nennt. Das Grün neben dem Grau der Granitplatten, dem <Purpurgrau> (Lydija Tschukowskaja) des Streifens aus Kies:

Ein eigens ausgedachtes Farbkonzept kommt in der Finka zum Tragen, wie Sascha Plangger in seinem facetten- und bilderreichen Buch über die Geschichte der ehemaligen Finanz-Kaserne, ihre Umgestaltung zum gastlichen Hostel und ihr schönes Innenleben ausführt.

Noch sitzt niemand auf der Bank im schützenden Gehäuse. Hinter der Fenstertüre Spritzkanne, Blumentöpfe. Kein Philosoph auf der „Philosophenbank“.

Der Lavendel riecht erst schwach, der Rosmarin hat etwas Duft behalten, lange bleibt der  Thymian als Geruch an den Händen haften.

Grasbüschel und kurzblättriges Gewächs, noch unscheinbar, hat sich unter dem Schnee zwischen den Weg-Platten behauptet. Kleine Wildnis. Der Essayist, Natur- und Berg-Schriftsteller Robert Mcfarlane hat dafür den Sinn geschärft – in seinem Buch ‚Karte der Wildnis’ (‚The Wild Places’, 2007; dt. 2015).

Es schneit nochmals. Schicht um Schicht legt sich auf Bänke, Tische, Geländer, Hecken.

Es taut. 

Jetzt fehlt das Weiss, das helle Licht in der Landschaft.

Es wird noch mehrmals schneien.

Februar 2026.     Geschrieben in der Schweiz. Es hat auch am Jurasüdfuss geschneit.  

 

Zur Autorin

Verena Zimmermann und ihr Mann Hanspeter Rederlechner gehörten zu den ersten Gästen der FinKa nach unserer Eröffnung im Jahr 2021. Sie blieben einige Tage, und es dauerte nicht lange, bis aus einem Aufenthalt ein Austausch wurde. Abende am Tisch, Gespräche, die länger dauerten als geplant, Themen, die sich von selbst ergaben. In den folgenden Jahren kamen sie immer wieder für einige Tage in die FinKa zurück, fast wie selbstverständlich. Beide arbeiteten als Kulturjournalisten für Schweizer Zeitungen und brachten eine Aufmerksamkeit für Details mit, eine Ruhe im Beobachten und eine Klarheit im Denken, die man sofort spürte. Hanspeter ist im vergangenen Sommer verstorben.

Verena, Jahrgang 1941 und in Solothurn lebend, schreibt weiter – und mit diesem Text bleibt auch ein Teil dieser gemeinsamen Zeit in der FinKa erhalten.

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Als Host bin ich die meiste Zeit des Jahres hier in der FinKa. Aber im Herbst bin ich selbst gern Gast. Seit einigen Jahren zieht es mich dabei ziemlich zuverlässig in den Norden – und meistens nach Irland. Ich reise dort nicht besonders schnell. Lieber lasse ich mich...

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