Stilfserjochstraße – Geschichte, Giro d’Italia & Rennrad ab Mals

Noch bevor im Frühjahr der erste Radfahrer hinauffährt, liegt die Straße meist noch unter meterhohem Schnee verborgen. Kehre für Kehre zieht sie sich ab Gomagoi die Hänge hinauf, steigt über Trafoi zur Franzenshöhe und schlängelt sich von dort weiter durch das Hochgebirge bis zum Pass. Gebaut wurde sie ursprünglich nicht für Reisende, sondern für einen ganz anderen Zweck.
Die Stilfserjochstraße entstand Anfang des 19. Jahrhunderts als militärische Verbindung durch ein schwer zugängliches Grenzgebiet des Habsburgerreiches. Heute ist sie etwas völlig anderes geworden. Radfahrer aus ganz Europa kommen hierher, um die 48 Kehren selbst zu fahren. Profis im Giro d’Italia, ambitionierte Amateure – und manchmal einfach Neugierige, die sehen wollen, wie sich eine Straße anfühlt, die seit zweihundert Jahren fast unverändert in der Landschaft liegt.
Wer sie fährt, merkt schnell: Das Stilfserjoch ist keine Attraktion im üblichen Sinn. Es ist eine Straße und gleichzeitig ein Stück Geschichte, das man hinauffahren kann.
Von der kaiserlichen Militärroute zur Radfahrer-Legende
1825 wurde die Stilfserjochstraße eröffnet. Geplant unter Kaiser Franz I. von Österreich als strategische Verbindung zwischen Tirol und dem damaligen Lombardo-Venetien. Der Bau war kein romantisches Alpenprojekt, sondern ein militärisches Infrastrukturvorhaben. Truppen, Verwaltung und Postkutschen sollten schneller zwischen den Provinzen verkehren können.
In nur fünf Jahren entstand unter extremen Bedingungen eine Hochgebirgsstraße, deren Linienführung bis heute nahezu unverändert geblieben ist. Als die Straße eröffnet wurde, galt sie als technische Sensation. Kaum irgendwo sonst führte damals eine durchgehende Fahrstraße in solche Höhen. In den ersten Jahrzehnten waren es vor allem Postkutschen und Militärtransporte, die das Stilfserjoch nutzten. Die Fahrt über den Pass dauerte viele Stunden und hing stark vom Wetter ab. Selbst im Sommer konnten Schneefälle die Route blockieren.
Deshalb entstanden entlang der Strecke mehrere Straßenwärterhäuser. Ihre Aufgabe war schlicht: die Straße offen zu halten – Steine entfernen, Lawinen räumen, Schnee schaufeln. Manchmal gelang das nicht. Dann saßen Reisende – Beamte, Händler oder Soldaten – in Gasthäusern von Trafoi oder auf der Franzenshöhe fest und warteten, bis der Pass wieder befahrbar war.
2025 wurde das 200-jährige Bestehen der Straße unter anderem in Prad am Stilfserjoch gefeiert. Historische Umzüge erinnerten an Postkutschenzeiten, militärische Nutzung und an jene Phase im 20. Jahrhundert, als sich am Stilfserjoch auch das Sommerskifahren entwickelte – eine Besonderheit, die auf den Gletschern oberhalb des Passes bis heute möglich ist und vor allem von internationalen Skimannschaften zum Training genutzt wird. Was einst als Machtinstrument gebaut wurde, ist heute Teil einer ganz anderen Bewegung: Menschen fahren diese Straße freiwillig hinauf – aus eigener Kraft.

Geschichte und Landschaft des Stilfserjochs
Mit 2.757 Metern gehört das Stilfserjoch zu den höchsten asphaltierten Alpenpässen Europas.
Der eigentliche Beginn der Stilfserjochstraße liegt in Gomagoi – einem kleinen Ort am Eingang des Trafoitals, oft als „Tor zum Stilfserjoch“ bezeichnet. Kurz danach erscheint bereits die erste der 48 nummerierten Kehren, die sich von hier bis zum Pass hinaufziehen.
Die Straße führt zunächst nach Trafoi. Heute ist der Ort ruhig geworden, doch um 1900 war Trafoi ein mondäner alpiner Kur- und Touristenort. Reisende aus Wien, München oder Mailand kamen hierher, um den Blick auf den Ortler zu erleben – oft noch mit der Postkutsche über die Passstraße. Der bekannteste Sohn des Dorfes ist Gustav Thöni, einer der erfolgreichsten Skirennläufer der 1970er Jahre, Olympiasieger und mehrfacher Gewinner des Gesamtweltcups.
Hinter Trafoi beginnt der eigentliche Hochgebirgsanstieg. Die Straße zieht sich weiter hinauf zur Franzenshöhe. Hier bleibt die Baumgrenze langsam zurück und die Landschaft verändert ihren Charakter. Wälder verschwinden, Geröllfelder und alpine Wiesen übernehmen das Bild. Über allem steht der Ortler (3.905 m) mit seiner Gletscherwelt im Nationalpark Stilfserjoch.

Ab der Franzenshöhe fährt man endgültig durch Hochgebirge. Der Blick wird weiter, die Luft kühler – und die Straße wirkt plötzlich klein zwischen Fels und Himmel.
Stilfserjoch & Giro d’Italia – Der Prüfstein des alpinen Radsports
Spätestens seit dem Giro d’Italia gehört das Stilfserjoch zur internationalen Radsportgeschichte. 1953 griff Fausto Coppi hier entscheidend an. Seitdem trägt der höchste Punkt jeder Giro-Ausgabe den Namen „Cima Coppi“.
Doch das Stilfserjoch steht im Radsport nicht nur für legendäre Siege.
Ein berühmtes Foto aus dem Jahr 1965 zeigt Aldo Moser, der sein Fahrrad durch meterhohe Schneewände trägt. Juni. Giro-Etappe. Und dennoch winterliche Bedingungen. Das Bild wurde zum Sinnbild für diesen Pass. Denn am Stilfserjoch fahren nicht nur Beine mit – hier fährt immer auch das Wetter mit.
Mehrfach musste der Giro geplante Überquerungen kurzfristig ändern oder ganz absagen, etwa 1988 oder 2014. Das Stilfserjoch steht zwar im Rennplan. Ob es tatsächlich gefahren wird, entscheidet oft erst der Schnee. Gerade deshalb bleibt es Referenz.

Foto: Wikimedia Commons, Lizenz CC BY-SA 3.0.
Stilfserjoch Rennrad – Herausforderung für den Breitensport
Längst gehört der Pass nicht mehr nur den Profis.
Einmal im Jahr wird die Straße vollständig gesperrt. Beim Stelvio Bike Day gehört sie ausschließlich den Radfahrern. Keine Motorengeräusche, kein Verkehr – nur Räder, Atem und die gleichmäßige Linie der Kehren.
Doch auch außerhalb dieses Tages zieht der Pass Fahrer aus ganz Europa an.
Die 1.800 Höhenmeter ab Gomagoi verlangen Geduld und eine gute Einteilung der Kräfte.
Wer oben ankommt, hat sich den Weg erarbeitet – unabhängig davon, wie lange es gedauert hat.
Genau deshalb gilt das Stilfserjoch heute als eine der bekanntesten Rennradstrecken der Alpen.
Rennrad-Tour ab Mals – Die FinKa als Ausgangspunkt
Von Mals im Obervinschgau beginnt eine der schönsten Rennrad-Rundtouren der Region fast beiläufig.
Die ersten Kilometer rollen flach durch die Ebene. Man fährt durch Glurns, vorbei an der vollständig erhaltenen Stadtmauer aus dem 16. Jahrhundert. Hinter Prad beginnt der Anstieg – doch die eigentliche Stilfserjochstraße startet erst wenige Kilometer später in Gomagoi. Von dort zieht sich die Straße Kehre für Kehre über Trafoi und die Franzenshöhe bis hinauf zum Pass.
Oben endet die Tour nicht zwingend. Viele fahren weiter über den Umbrailpass ins Val Müstair und kehren über Taufers im Münstertal zurück. Rund 90 Kilometer und über 2.000 Höhenmeter verbinden dabei zwei Länder: Italien und die Schweiz.
Und irgendwann am Abend steht man wieder vor der Tür der FinKa. Dann passiert meist immer dasselbe:
Schlüssel aufs Zimmer, Dusche, vielleicht noch ein Bier im Salone. Wer weiß, dass er hier wieder ankommt, fährt das Stilfserjoch ein wenig entspannter hinauf.
FinKa-Tipp: Das Stilfserjoch mit dem Rennrad fahren
Wer das Stilfserjoch von der FinKa aus fahren möchte, sollte früh starten. Am Morgen liegt das Vinschgau meist noch ruhig da, der Verkehr ist gering und die Temperaturen sind angenehmer. Die klassische Route beginnt in Mals, führt über Glurns und Prad bis nach Gomagoi, wo die eigentliche Stilfserjochstraße startet. Von dort folgen 48 Kehren bis zum Pass auf 2.757 Metern.
Früh starten
Der Anstieg ist lang und im Sommer kann es auch im Hochgebirge warm werden.
Tempo einteilen
Die ersten Kehren wirken moderat, doch der Pass ist lang. Wer gleichmäßig fährt, hat mehr Reserven für die letzten Kilometer.
Wind und Wetter beachten
Selbst im Sommer kann sich das Wetter am Stilfserjoch schnell ändern. Eine leichte Windjacke gehört fast immer ins Trikot.
Pause auf der Franzenshöhe
Hier öffnet sich der Blick zum Ortler – für viele der Moment, in dem man merkt, wie hoch man bereits gefahren ist.
Rückweg planen
Eine besonders schöne Runde führt über den Umbrailpass ins Val Müstair und über Taufers im Münstertal zurück nach Mals.
Nach rund 90 Kilometern und über 2.000 Höhenmetern endet die Tour meist wieder vor der Tür der FinKa – dort, wo eine lange Auffahrt irgendwann einfach zu einer guten Geschichte wird.
Stilfserjoch – Fakten auf einen Blick
- Höhe: 2.757 Meter
- Kehren (Nordrampe): 48
- Höhenmeter ab Gomagoi: ca. 1.800
- Länge des Anstiegs: rund 25 Kilometer
- Straßenöffnung: meist Mai/Juni bis Oktober
- Besonderheit: höchster Punkt des Giro d’Italia („Cima Coppi“)
- Radsport-Event: Stelvio Bike Day (autofreier Radtag)
Fazit – Warum das Stilfserjoch bis heute Referenz bleibt
Das Stilfserjoch ist vieles zugleich:
Eine militärische Straße des 19. Jahrhunderts.
Eine der spektakulärsten Hochalpenrouten Europas.
Ein Mythos des Giro d’Italia.
Und ein Ziel für Rennradfahrer aus ganz Europa.
Über zweihundert Jahre hat diese Straße politische Systeme, technische Entwicklungen und sportliche Generationen überdauert. Ihre Linienführung ist fast gleich geblieben. Geändert hat sich nur der Grund, warum Menschen hier hinauffahren. Früher ging es um Kontrolle über ein Gebirge. Heute geht es meist um etwas Einfacheres:
zu sehen, ob man es schafft. Oder – wenn man ehrlich ist – einfach wieder heil hinunter.
Häufige Fragen zur Stilfserjochstraße
Wie hoch ist das Stilfserjoch?
Das Stilfserjoch liegt auf 2.757 Metern über dem Meeresspiegel.
Wie viele Kehren hat die Stilfserjochstraße?
Die Nordrampe von Prad bzw. Gomagoi umfasst 48 nummerierte Kehren.
Wie viele Höhenmeter sind es von Gomagoi bis zum Pass?
Der Anstieg umfasst rund 1.800 Höhenmeter.
Ist das Stilfserjoch für Rennradfahrer geeignet?
Ja. Der Pass gilt als eine der bekanntesten Rennradstrecken der Alpen.
Wann ist das Stilfserjoch geöffnet?
In der Regel von spätem Frühling bis Herbst, abhängig von Schneelage und Wetter.
Was bedeutet „Cima Coppi“?
Die Cima Coppi bezeichnet den höchsten Punkt einer Giro-d’Italia-Ausgabe.
Gibt es autofreie Tage am Stilfserjoch?
Ja. Beim Stelvio Bike Day gehört die Straße ausschließlich den Radfahrern.
Welche Rundtour empfiehlt sich ab Mals?
Die Runde Mals – Stilfserjoch – Umbrailpass – Val Müstair – Taufers umfasst etwa 90 km und über 2.000 Höhenmeter.
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