Storchn Lois – ein Vinschger Musikant.

von | Sep. 9, 2026 | Vinschgauwärts

Irgendwann im 19. Jahrhundert saß auf der Kirchturmspitze von Glurns ein großer Vogel.
Jemand fragte einen Laatscher, was das denn für ein Tier sei. Der Mann schaute hoch, dachte kurz nach — und sagte: ein Storch. Ob es einer war, weiß bis heute niemand. Was man weiß: Der Name blieb hängen. Nicht an dem Vogel. An dem Mann. Und dann an seinem Sohn, seinen Enkeln, seinen Urenkeln, an der ganzen Sippschaft, bis in die Gegenwart.

So funktioniert das hier mit den Namen. Ein flüchtiger Blick nach oben, eine Vermutung, fertig ist die Familienchronik für fünf Generationen. Kein Wappen, kein Adelsbrief. Ein Vogel, der vermutlich ein Reiher war. Der berühmteste dieser Störche wurde am 2. September 1905 in Laatsch geboren und hieß Alois Federspiel.

Alle nannten ihn den Storchn Lois.

Erst müssen wir über die Karrner reden

Denn der Lois war einer. Karrner — das war lange ein Schimpfwort im Tal. Gemeint waren Menschen, die alles, was sie besaßen, auf einen Karren luden und damit von Dorf zu Dorf zogen: Messerschleifer, Pfannenflicker, Besenbinder, Wanderhändler. Sie wurden oft abwertend als „Zigeuner“ bezeichnet, waren aber verarmte Einheimische. Nachbarn. Leute, deren Feld durch die Realteilung so oft geteilt worden war, bis nichts mehr übrig blieb, wovon eine Familie leben konnte.

Um 1835 zählte man in Stilfs 53 davon, in Laatsch 30, in Planail 21, in Prad 20. In Laatsch war 1836 jede siebte Familie eine Karrnerfamilie. Das Landgericht Glurns führte 188 Karrenzieher namentlich. Das ist keine Randgruppe. Das ist ein erheblicher Teil des Dorfes.

Sie handelten mit Wetzsteinen und mit Werg — dem Abfall der Hanfverarbeitung — und mit allem anderen, was sich verkaufen ließ. Auf oberitalienischen Märkten kauften sie Zitronen und Orangen und setzten sie nördlich der Alpen ab, wo so etwas selten war.

Ein Kinderreim aus Prad hat das überlebt:

Touini, Limouni, Orantschagugu — a Pfeifl voll Tawagg isch meahr weart ass du.

Man muss das nicht übersetzen, um zu hören, dass hier jemand veräppelt wird.

Die Obrigkeit fand das alles nicht lustig. Es gab Heiratsverbote. Reisepässe wurden verweigert. Wer ohne Haus und Habe heiraten wollte, saß in Glurns im Loch — so hieß das Gefängnis, ganz wörtlich, und ich finde, dabei sollte man es belassen. Und die Redensart „streiten wie die Karrner“ kennen im Vinschgau heute noch viele. Was dahintersteckt, wissen die Wenigsten.

Ross oder Rind? Darüber streitet meine eigene Datenbank

Handelte der Storchn Lois mit Vieh oder mit Pferden? Da bin ich ehrlich überfragt.

Wir betreiben hier im Haus einen digitalen Vinschger „Frag den Vinschger„, der aus lauter kuratierten lokalen Quellen gespeist wird — Dorfbücher, Chroniken, historische Texte, Zeitzeugenberichte. Ein sorgfältig gebautes System. Und in genau diesem System steht an einer Stelle „Viehhändler“ und an einer anderen „Pferdehändler“, und beide Stellen halten sich für richtig.

Ich habe das entdeckt, als ich für diesen Artikel recherchierte, und dann eine Weile auf den Bildschirm geschaut. Vermutlich war er beides, so wie er vieles war. Wer als Karrner unterwegs ist, spezialisiert sich nicht. Man handelt mit dem, was der Markt hergibt, und der Rossmarkt-Kalender bestimmt, wo man im Frühjahr steht.

Aber es gefällt mir, dass ein Mann, der sein Leben lang unterwegs war und sich von keiner Behörde hat einordnen lassen, es fertigbringt, hundert Jahre später auch noch meine Datenbank durcheinanderzubringen.

Noten hatte er nie und brauchte er nie

Der Storchn Lois war Musikant. Ziehharmonika. Und zwar nicht so, wie das halbe Tal Ziehharmonika spielte, sondern so, dass Fachleute ihn zu den besten seiner Zeit zählen. Noten hatte er nie. Er brauchte auch keine.

Und hier kommt die Pointe, die sich das Leben selbst ausgedacht hat: Genau diese Stücke, die ein Mann ohne eine einzige Note vor sich spielte, wurden hundert Jahre später von einem Musiker mühsam abgehört und aufgeschrieben — in Notenschrift und in Griffschrift, damit Schülerinnen und Schüler sie nachspielen können.

Zwei Hefte sind daraus geworden, herausgegeben 2010 von Andreas Paulmichl und Gernot Niederfriniger. Für die Hefte wurden Pfarrarchive ausgewertet, Zeitzeugen befragt und die überlieferten Stücke musikalisch transkribiert. Unterstützt wurde das Projekt vom Referat Volksmusik, vom Österreichischen Volksliedwerk und vom Südtiroler Volksmusikkreis.

Ein Karrner aus Laatsch, dem man nicht einmal einen Reisepass geben wollte, ist heute Lehrmaterial.

Die Storchn Musi

Wie aus dem Storch eine Feder wurde

1935 kam die Zwangsitalianisierung auch bei den Namen an. Aus Federspiel wurde amtlich Lapenna.

Die Feder.

Man muss sich das kurz vorstellen: Da sitzt jemand in einem Amt und übersetzt einen Vinschger Familiennamen ins Italienische, Silbe für Silbe, und heraus kommt ausgerechnet die Feder — bei einer Familie, die ihren Rufnamen einem Vogel verdankt, den vermutlich nie jemand richtig bestimmt hat.

Die Bürokratie hat hier, ohne es zu merken, den einzigen halbwegs poetischen Amtsakt ihrer Geschichte vollbracht. Durchgesetzt hat sich der Name selbstverständlich nicht. Im Dorf blieb er der Storchn Lois.

Vulgonamen sind zäher als Verordnungen, und das ist eine der zuverlässigsten Regeln dieses Tales.

Was geblieben ist

Der Storchn Lois ist vor gut einem halben Jahrhundert gestorben. Geblieben sind seine Melodien.

Zwei Hefte voller Stücke, die ein Mann nie nach Noten gespielt hatte. Nachkommen in Laatsch. Und eine Volksmusikgruppe, die sich Storchn Musi nennt und den alten Vulgonamen bis ins Fernsehen getragen hat.

Eigentlich ist das vielleicht die schönste Pointe an dieser Geschichte. Musik war im Vinschgau nie nur etwas für Konzertsäle. Sie wurde in Stuben gespielt, in Gasthäusern, bei Hochzeiten, auf Festen und dort, wo gerade ein paar Leute zusammenkamen. Einer spielte etwas vor, der nächste hörte zu und spielte es später weiter:

Ohne Archiv.

Ohne Aufnahmegerät.

Und oft eben auch ohne Noten.

So konnten Melodien erstaunlich lange leben. Und ganz verschwunden ist diese Art von Musik bis heute nicht. Im Vinschgau wird noch immer gespielt: in Gasthäusern und bei Festen, auf kleinen Bühnen und manchmal einfach an einem Tisch, um den zufällig die richtigen Leute sitzen.

Genau an diese Idee möchten wir auch mit dem FinKa Festival anknüpfen.

Nicht, indem wir versuchen, die Zeit des Storchn Lois nachzuspielen. Und auch nicht, indem wir Volksmusik ins Museum stellen. Im Gegenteil. Musik lebt nur, wenn sie gespielt wird, sich verändert, auf andere Musik trifft und von Menschen weitergetragen wird. Deshalb kommen beim FinKa Festival Musikerinnen und Musiker aus dem Tal und von weit her zusammen. 2026 unter anderem aus Irland — einem Land, in dem die alte Gasthaus- und Sessionkultur bis heute ganz selbstverständlich lebt.

Vielleicht ist die Entfernung zwischen einem Laatscher Ziehharmonikaspieler vor hundert Jahren und einer irischen Session in der FinKa deshalb gar nicht so groß.

Da sitzt jemand, beginnt zu spielen.

Ein anderer hört zu.

Und irgendwann spielt er mit.

So bleibt Musik am Leben.

Der Storchn Lois hätte sicher mit musiziert.

FinKa Session – Festival 2025

FinKa erleben!

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